Michael
Der Hohenfriedberger-Marsch war das erste bedeutende Stück, das ich im Nebenzimmer des Gasthauses "Traube" in Durlach beim Gitarrenlehrer vom Zupfgeigenverein spielen lernte. Da mir nach dem Unterricht meist die Finger weh taten und ich immer mehr Märsche auf mich zukommen sah, brach ich die Sache ab. Das Gitarrespielen hat mich dann aber doch nicht mehr losgelassen und auch im Nebenzimmer der "Traube" habe ich in späteren Jahren noch einige Male gezupft, allerdings keine Märsche auf der Wandergitarre, sondern Rock´n Roll laut und heftig auf der E-Gitarre.
Verfasst von Michael am Fr, 24/02/2006 - 22:15.
Zunächst hatte ich jedoch keine Lust mehr zum Gitarrespielen und beschäftigte mich vorübergehend mit Tamburin und Hi-Hat als Begleitung zu frühen Songs der Beatles und vor allem der Rolling Stones. Eines Tages jedoch sah ich in einem An- und Verkaufsgeschäft einen wunderschönen Gitarrenverstärker namens Guyatone stehen, dessen bügelartiger Ständer mich ebenso beeindruckte wie der durch einen Drehknopf regelbare Nachhall. Der Händler war bereit, meine Trix-Eisenbahn in Zahlung zu nehmen und so dröhnte es alsbald laut und vor allem verhallt durch unsere Wohnung. Der für die damalige Zeit durchaus unüblichen Toleranz meiner Mutter gegenüber lauten Tönen und moderner Beatmusik ist es zu verdanken, dass diese ersten Versuche nicht gleich im Keim erstickt wurden.
Die erste Band war dann ein loser Zusammenschluss von Kerlen, die zwar von dem gemeinsamen Willen beseelt waren, in einer Band zu spielen, deren musikalische Fähigkeiten jedoch äusserst bescheiden bis nicht vorhanden waren. Noch vor der ersten Probe gab es bereits den ersten Gig, zu dem die Gerätschaften (von Anlage möchte man aus heutiger Sicht noch nicht sprechen) auf einem Leiterwagen und auf dem Gepäckträger des Fahrrades transportiert wurden. Man improvisierte, meist auf "E", und brachte den Abend in mehr oder weniger "harmonischer" Spiellaune über die Bühne. Eine Gage brachte der Abend zwar nicht, immerhin jedoch die Erkenntnis, dass das Einüben einiger, dem Zuhörer wenigstens in Ansätzen erkennbarer Harmoniefolgen, sicher kein Fehler sein konnte. Es fand sich ein Proberaum direkt unter einem Kino in Durlach. Beim Bau des Kinos hatte man jedoch nicht daran gedacht für ausreichende Schallisolierung zu sorgen, sodass gleichzeitiger Kinospielbetrieb und Bandprobe zu Hörproblemen im Kinosaal führte. Der Kinobesitzer reagierte mit null Toleranz und liess uns ein Wort hören, das mir in den vielen Jahre der Bandspielerei immer wieder begegnete und das mir damals wie heute gleichermassen missfiel: "leiser". Leise Rockmusik, das ist ein Paradox, daran wollte ich mich nicht gewöhnen.
Gottseidank war dies auch nicht notwendig, denn in punkto Lautstärke gab es noch erhebliche Steigerungen. Nachdem die erste Euphorie mit dem Guyatone-Verstärker der nüchternen Erkenntnis gewichen war, dass 30 Watt zu wenig waren, gings über Stufen einiger weiterer Fehlkäufe, schliesslich zur Krönung: dem Marshall-Turm mit 100 Watt, abgeschrägter Box und roter Bespannung. Dazu hatte ich mir noch eine gebrauchte Gibson Les-Paul gekauft, was zusammen eine geradezu galaktische Ausrüstung ergab, die etwas im Kontrast zu den spielerischen Fähigkeiten des Besitzers stand.
Doch diese finanziell kaum zu stemmende Investition zahlte sich schon nach kurzer Zeit aus, denn eine damals in Karlsruhe sehr bekannte Band mit dem vielsagenden Namen "Fucktory" suchte einen neuen Gitarristen. Über glückliche Umstände kam ich im Jahre 1979 zu dieser lautesten und chaotischsten Rock´n Roll - Combo der Region. Wir trafen uns zunächst regelmässig zur Probe, wobei es jedoch bald als durchaus ausreichend betrachtet wurde, die Stücke nur anzuspielen, nach dem Motto: "De´ Rescht könne´ mer". Bei Auftritten führte dies bisweilen zu Uneinigkeit über die Gestaltung des Liedendes, welches dann entweder in endlosen Wiederholungsschleifen hinausgezögert wurde und/oder im ungeplanten Gewirbel einen gnädigen Vollzug fand. Trotz dieser und anderer Unzulänglichkeiten, welche nicht selten durch übermässigen Alkoholgenuss bedingt waren, erfreute sich die Band einer gewissen Beliebtheit. In den frühen 80-iger-Jahren gab es in Karlsruhe kaum ein grösseres Fest oder einen Spielort, an dem wir nicht gespielt hätten, bis hin zum Ludwigsplatz, wo einige Tausend Leute anwesend waren. Noch heute unterhalten wir einen Proberaum und manchmal lassen wir´s nochmal richtig krachen, bis die Ohren rauschen und der Kopf brummt, denn Lautstärke ist beim richtigen Rock´n Roll eben unverzichtbar.
Doch es gab auch ein musikalisches Leben neben "Fucktory": eine Tanzkapelle in Bruchsal, eine Gruppe namens "Razor" und in der eigenen Wohnung dann viele Akustik-Sessions im Wohn-Schlafzimmer mit mächtig Zigarettenqualm und Songs aus der Hippie-Zeit. Diese Sessions waren offen, wer wollte, der durfte, mancher oder manche kam nur einmal, andere blieben länger. Es ergaben sich neue Kontakte, unter anderen auch mit Bernd Marschall und Lübbe Onken. Das Ende dieser Phase war eine Band, in der neben anderen auch Bernd und Lübbe mitspielten und mit der wir, vermittelt durch die Kontakte von Bernd zum Jakobustheater, bei dem Jugendstück "Gänsehaut" den musikalischen Part lieferten. Kurze Zeit danach löste sich diese Formation auf.
Die nächsten 10 Jahre brachten noch einige "Fucktory"-Auftritte, das Ganze begann sich jedoch zu verlebbern, bis ich zufällig den Bernd wieder traf und wir zunächst zu zweit, dann personell erweitert, für mich neue musikalische Wege beschritten, weg vom lauten Rock´n Roll hin zu einer ruhigeren Musik, nicht unpassend zum inzwischen fortgeschrittenen Alter. Wie schon einige Male in meinem Leben passiert, so entdeckte ich in dieser Zusammenarbeit nochmals etwas Neues, nämlich den Spass am Singen: vom falschen Ton zur zweiten Stimme! Es ergab sich nochmals eine musikalische Zusammenarbeit mit dem Jakobustheater in dem Stück "Der Elefantenmensch", anschliessend einige Autritte mit der inzwischen so benannten Band Tam Lin. Hinzugestossen ist jetzt aus alten Tagen der Lübbe, sodass zur Zeit kein Ende des musikalischen Lebens in Sicht ist.
Gott sei Dank, denn ohne die ganzen Jahre mit Bands, Musik, Leuten und vielen schönen Momenten wäre das Leben ärmer gewesen.


Neueste Kommentare
vor 22 Wochen 1 Tag
vor 22 Wochen 2 Tage
vor 31 Wochen 5 Tage
vor 1 Jahr 4 Wochen
vor 1 Jahr 4 Wochen
vor 1 Jahr 12 Wochen
vor 1 Jahr 24 Wochen
vor 1 Jahr 25 Wochen
vor 1 Jahr 26 Wochen
vor 1 Jahr 35 Wochen