Linda
Eine meiner frühesten Erinnerungen verbinde ich mit meinem irischen Großvater väterlicherseits namens Cashel. Er konnte wunderschöne Folk-Traditionals auf dem Banjo spielen. Seine Vorfahren stammten angeblich von dem geschichtsträchtigen Rock of Cashel, einer nahezu uneinnehmbaren Festung, wo einst die Könige von Munster ihren Sitz hatten. Im Jahre 450 wurde der Felsen sogar vom Heiligen Patrick besucht und im 10. Jahrhundert fand hier die Krönung des Hochkönigs Brian Boru statt.
Verfasst von Linda am Fr, 24/02/2006 - 22:14.
Aber auch all diese einflussreichen Vorfahren haben meinem Großvater nichts genützt. Er musste, wie so viel Iren, auswandern, hat dann aber glücklicherweise in London Arbeit gefunden. Seine Familie wurde dort sesshaft. Und so bin auch ich dort geboren.
Im Alter von sechs Jahren erhielt ich Blockflötenunterricht. Mit neun landete ich auf einer katholischen Klosterschule. Ich musste eine Uniform tragen und einen dämlichen Hut aufsetzen (zum Glück existiert kein Foto mehr aus dieser Zeit). Meine strengen Erzieherinnen (alles Nonnen mit Ordenstracht) hatten große Pläne mit mir. Man wollte spätestens bis zum Abitur ein braves Mädchen aus mir gemacht haben und ich sollte, auf Teufel komm raus, Geige lernen. Das mit der Geige hat geklappt. Das mit dem Abi auch . . .
Danach habe ich eine kaufmännische Fachhochschule besucht und zusätzlich Fremdsprachen studiert. Nach dem Examen habe ich es wie Großvater Cashel gemacht: ich bin ausgewandert. Zunächst hat es mich nach Heidelberg verschlagen. Dort bekam ich eine Stelle als Sekretärin angeboten. Kurze Zeit später habe ich geheiratet. Aus Linda Cashel wurde Linda Blau.
Für die Geige blieb durch mehrere berufsbedingte Umzüge zunächst nur wenig Zeit. Die Musik trat erst mit der Geburt meiner Kinder wieder verstärkt in mein Leben. Als meine Tochter Elenor auf die Welt kam, war eine Querflöte das Geburtsgeschenk. Ich habe mich sehr darüber gefreut und Unterricht genommen. Meine alte Geige habe ich auch wieder entstaubt und noch zusätzlich Cello begonnen. Als wir dann nach Karlsruhe umgezogen sind, bin ich in den Musikverein Symphonieorchester Bruchsal eingetreten.
Mit meiner Freundin aus Irland spiele ich, wenn wir uns hin und wieder besuchen, Irish-Folk. Diese Hausmusik-Sessions sind aber leider nur sporadisch, da wir uns durch die räumlich Distanz nur äußerst selten sehen können.
Als mir der Badminton-Trainer meines Sohnes, Lübbe Onken bei einem Ausflug sagte, dass er für die Band, in der er den Bass zupft, eine Geigerin oder Flötistin suche und als dann noch das Gespräch darauf kam, dass die Band u.a irische Folk-Traditionals in modernen Arraangements spielt, habe ich kurzerhand meine Geige und Flöte gepackt und der Gruppe einen Blitz-Besuch in ihrem Proberaum abgestattet. Die waren, glaub ich zunächst ziemlich überrascht, dass da ohne Vorwarnung ein neues Gesicht auftauchte, aber nach der ersten Session haben alle gesagt, dass sie es toll fänden, wenn ich bleibe. So bin ich zu Tam Lin gekommen.
Der Kreis zu Opa Cashel hat sich somit irgendwie geschlossen, denn in unserem Live-Programm finden sich jetzt ein paar traditionelle Stücke,wie sie mein Großvater damals auch schon gespielt haben mag.


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